Hyposensibilisierung

24 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Allergien. Diese sind für die Betroffenen meist mit lästigen Beschwerden verbunden, die sich zwar kurzfristig mit verschiedenen Medikamenten behandeln lassen, doch um eine dauerhafte Verbesserung zu erreichen, reicht das nicht aus. Stattdessen kann jedoch in vielen Fällen eine sogenannte Hyposensibilisierung helfen.

Eine allergische Reaktion kommt dadurch zustande, dass das Immunsystem fälschlicherweise feindlich auf eigentlich harmlose Substanzen reagiert. Durch die bei der Abwehrreaktion vom Immunsystem gebildeten Antikörper kommt es zu den typischen Beschwerden, wie Fließschnupfen, verstopfter oder laufender Nase, Niesattacken, juckenden oder tränenden Augen und geschwollenen Augenlidern und – in schweren Fällen – zu Asthma.

Was ist eine Hyposensibilisierung?

Die Hyposensibilisierung ist eine Therapieform zur langfristigen Behandlung von Überreaktionen des Immunsystems, wie sie für Allergien typisch sind. Bislang ist die Hyposensibilisierung das einzige Therapieverfahren, das direkt bei der Ursache einer Allergie ansetzt. Alle anderen Therapien, zum Beispiel die Verabreichung antiallergischer Medikamente, können zwar die Allergiesymptome lindern, aber nicht der eigentlichen Ursache der Allergie entgegenwirken.

Bei der Hyposensibilisierung wird der Allergiker immer wieder mit den Stoffen, auf die er allergisch reagiert, in Kontakt gebracht. Durch die regelmäßig wiederholte, gezielte Konfrontation mit dem Allergen soll das Immunsystem "lernen", dass dem Körper durch das Allergen keine Gefahr droht. Ziel dabei ist es, die Überempfindlichkeit des Immunsystems allmählich herabzusetzen und letztendlich eine allergische Reaktion zu verhindern. Die Therapie kann sich über mehrere Jahre erstrecken, bietet jedoch in vielen Fällen gute Erfolgsaussichten. Sie sollte grundsätzlich nur von Allergologen in den Fachbereichen Hals,- Nasen- und Ohrenheilkunde, Dermatologie, Pulmologie bzw. Kinder- und Jugendmedizin durchgeführt werden.

Die Hyposensibilisierung soll, neben der Linderung der Symptome und der Senkung des Medikamentenverbrauchs, bei frühzeitiger Anwendung auch das Risiko für die Entstehung eines allergischen Asthma bronchiale senken, denn in bis zu 40 % der nicht sorgfältig behandelten Heuschnupfenfälle kann ein sogenannter "Etagenwechsel" zum allergischen Asthma bronchiale erfolgen.

Für wen ist eine Hyposensibilisierung geeignet?

Eine Hyposensibilisierung, auch „Spezifische Immuntherapie“ (SIT) genannt, kommt vor allem bei Patienten infrage, die an einer Allergie vom Typ I, dem sogenannten Soforttyp, leiden. Diese Allergien sind daran zu erkennen, dass sich die entsprechenden Symptome bereits wenige Minuten nach dem Kontakt mit dem auslösenden Allergen einstellen. Indikationen sind zum Beispiel der sogenannte Heuschnupfen und leichtes bis mittelgradiges allergisches Asthma, das durch Gräserpollen, Roggenpollen, Birkenpollen, Beifußpollen, Hausstaubmilben, Tierhaare oder Schimmelpilze ausgelöst wird. Bei Allergien gegen Bienengift oder Wespengift kann eine erfolgreiche Hyposensibilisierung sogar lebensrettend sein, da die allergischen Reaktionen in diesen Fällen oft sehr heftig ausfallen und schnell zu einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock führen können.

Bei schwerem Asthma, Nieren- oder Leberschäden, Herz-Kreislauf- oder Tumor-Erkrankungen kann meist keine Hyposensibilisierung erfolgen. Auch wer an einer Autoimmunerkrankung oder einer Immunschwäche leidet, kommt für die Therapie nicht in Betracht. Bei schwangeren Frauen sollte keine SIT begonnen werden. Gegen die Fortsetzung einer bei ihnen problemlos laufenden SIT spricht aber nichts. Vor allem Insektengiftallergikerinnen sollten während der Schwangerschaft die Therapie nicht abbrechen, weil für sie und ihr Kind die Immunreaktion auf Insektenstiche gefährlicher ist als die sehr seltenen Nebenwirkungen. Sicherheitshalber sollte die Allergendosis während der Schwangerschaft jedoch nicht erhöht werden.

Behandlungsablauf

Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Hyposensibilisierung ist die genaue Diagnose. Nur, wenn das auslösende Allergen konkret ermittelt wurde, lässt sich auch konkret hyposensibilisieren. Die Behandlung kann subkutan (in Form einer Injektion unter die Haut), sublingual (als Einnahme einer flüssigen Lösung unter die Zunge oder als Tablette, die sich unter der Zunge auflöst), erfolgen. Das entsprechend gewählte Präparat bleibt hier jeweils kurz unter der Zunge und wird dann geschluckt. Die Therapie ist dabei in zwei Abschnitte unterteilt: Anfangsbehandlung (Steigerungsphase) und Erhaltungstherapie.
Bei saisonal bedingten Allergien (Frühblüher, Gräser, Roggen, Beifuß), sollte die Behandlung möglichst vor der Pollen-Saison, das heißt, im Herbst bzw. Winter beginnen. Bei zeitlich unabhängigen Allergien kann die Hyposensibilisierung jederzeit und uneingeschränkt das gesamte Jahr über erfolgen.

Subkutane Immuntherapie (SCIT) 

Bei der subkutanen Immuntherapie erhält der Patient die Dosis subkutan, also per Injektion unter die Haut, in die Rückseite des Oberarms, und zwar etwa eine Handbreit oberhalb des Ellenbogens. Die Injektion erfolgt mit einer sehr feinen Nadel und ist deshalb auch weitgehend schmerzfrei. Während der ersten Phase der Therapie, der Anfangsbehandlung, wird der Allergenextrakt wöchentlich injiziert. Dabei steigert der behandelnde Arzt die Dosis von Woche zu Woche bis zu einer Maximalmenge. Bei jeder Dosissteigerung achtet er auf eventuelle Nebenwirkungen der vorhergehenden Impfung und passt das Impfschema dementsprechend an. Die Steigerungsphase kann sich über mehrere Monate hinziehen. Im Einzelnen hängt die Dauer von der Situation des Patienten und dem verwendeten Präparat ab. In der Zeit des Pollenfluges sollte die Dosis nicht gesteigert, nötigenfalls eher reduziert oder sogar ganz ausgesetzt werden. 

Verträgt der Betroffene die Therapie ohne Nebenwirkungen, beginnt die zweite Phase der Hyposensibilisierung – die Erhaltungstherapie. Ab jetzt verabreicht der Arzt die Maximaldosis der Lösung einmal pro Monat, um die Gewöhnung des Immunsystems an das Allergen zu stabilisieren. Um eventuelle allergische Reaktionen rechtzeitig behandeln zu können, sollten die Patienten im Anschluss an die Behandlung jeweils circa 30 Minuten in der Arztpraxis bleiben. In der Regel wird die Therapie über drei bis fünf Jahre durchgeführt. 

Während die "klassische" Immuntherapie fortlaufend über drei Jahre läuft, besteht die "präsaisonale" Immuntherapie, auch als Kurzzeittherapie bezeichnet, nur in einigen Injektionen vor der Pollenflugsaison. Dieses Verfahren wird mindestens dreimal, somit auch über einen Zeitraum von drei Jahren, wiederholt.

Ein wesentlicher Vorteil der subkutanen Immuntherapie besteht darin, dass durch die Verabreichung der Spritzen in der Arztpraxis eine kontinuierliche Kontrolle des Therapieerfolgs durch den Arzt gewährleistet ist.

Sublinguale Immuntherapie (SLIT)

Eine weitere Methode der Hyposensibilisierung ist die sublinguale Immuntherapie. Hierbei wird die Allergendosis dem Patienten jeweils unter die Zunge (sublingual) verabreicht und durch die Mundschleimhaut aufgenommen. Die Einnahme kann sowohl in Form von Tropfen als auch in Form von schnell löslichen Tabletten geschehen. Die Tropfen bzw. die Schmelztablette sollten mindestens zwei Minuten lang im Mund behalten werden, bevor sie heruntergeschluckt wird. Wie bei der Behandlung mit Injektionen wird auch hier mit einer geringen Dosis begonnen, die dann kontinuierlich gesteigert wird. Auch hierbei muss der Verlauf der Therapie in regelmäßigen Abständen vom Arzt kontrolliert werden. Im Unterschied zur Therapie mit Spritzen muss die Einnahme der Allergene bei der SLIT zwar täglich erfolgen, kann dafür aber nach einer anfänglichen Einweisung durch den Arzt auch vom Patienten allein weitergeführt werden. Deshalb sind im Vergleich zur SCIT insgesamt deutlich weniger Arzttermine erforderlich.

Ein Nachteil dieser Form der Hyposensibilisierung ist, dass es bislang keine Langzeitstudien über die Wirksamkeit der Therapie gibt. Zudem ist die sublinguale Immuntherapie nicht bei allen Allergien möglich, für die es eine subkutane Immuntherapie gibt. 

Nebenwirkungen und Nachsorge

Im Zuge der Therapie kann es, vor allem in der Anfangsphase, zu leichteren allergischen Reaktionen kommen, wie zum Beispiel zu einer Rötung, Schwellung, zu Quaddeln oder Juckreiz der Haut an der Einstichstelle. Diese Überreaktion kann auch noch Stunden oder Tage nach der eigentlichen Behandlung auftreten. Durch Kühlen der Einstichstelle können die Beschwerden schnell gelindert werden, normalerweise klingen sie aber auch nach einigen Stunden von selbst wieder ab, sofern sie überhaupt aufgetreten sind. Werden Tabletten oder Tropfen eingenommen, kann es als Nebenwirkung zu Schwellungen und Juckreiz im Hals, auf der Zunge und im Rachen, eventuell verbunden mit Heiserkeit und Schluckbeschwerden kommen. Aber auch hier lassen die Beschwerden in der Regel nach kurzer Zeit von selbst wieder nach.

Weil die Gabe der Allergendosen eine Belastung für das Immunsystem darstellt, kann es an den Behandlungstagen zudem zu Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Hautblässe, Nervosität und Kopfschmerzen kommen. Sehr selten treten Reaktionen wie Erbrechen, Übelkeit, Schweißausbrüche, Kribbeln an Handflächen und Fußsohlen sowie ein Abfall des Blutdrucks auf. 

Fallen die Nebenwirkungen stärker aus, verschreibt der behandelnde Arzt gegebenenfalls Antihistaminika und reduziert die nächste Impfdosis. Schwerere, jedoch gut behandelbare Nebenwirkungen sind zum Beispiel Quaddeln am gesamten Körper oder eine Schwellung im Halsbereich. Die schwerste mögliche Nebenwirkung ist der sehr seltene „anaphylaktische Schock“, ein absoluter Notfall, der eine sofortige notärztliche Behandlung erforderlich macht.

Um eventuelle Nebenwirkungen oder Überreaktionen gering zu halten bzw. ganz zu vermeiden, sollten Patienten am Therapietag auf Sport und andere körperliche Anstrengungen sowie Hitzebelastungen wie Sauna- und Solarienbesuche sowie Sonnenbäder, heißes Duschen oder heiße Bäder verzichten. Ebenfalls ist es ratsam, vor und nach der Behandlung keine schwer verdaulichen Mahlzeiten zu essen und keinen Alkohol zu trinken.

Ergebnis

Eine hohe Wirksamkeit zeigt die Hyposensibilisierung besonders bei Heuschnupfen und bei Insektengiftallergien wie der Wespenallergie: Die Erfolgsquote bei der Pollenallergie liegt bei rund 60 bis 70 %, bei einer Bienen- oder Wespengiftallergie sogar bei gut 90 %. Trotz erfolgreicher Behandlung bleibt die Empfindlichkeit gegenüber dem Allergen jedoch erhalten, nur die Reaktionsbereitschaft des Immunsystems auf die Substanz bildet sich zurück.

Wie groß der Erfolg der Hyposensibilisierung ist, hängt auch vom Alter des Patienten und seinem Beschwerdebild ab. Wer schon länger unter der Allergie leidet und gegen mehrere Substanzen allergisch ist, wird vermutlich geringere Erfolge erzielen, als ein Neu-Allergiker mit einer nur schwach ausgeprägten Allergie.

Eine Hyposensibilisierung wirkt vor allem in der Jugend am besten, die Erfolgsrate nimmt im Alter eher ab. Ärzte empfehlen für eine erste Behandlung das frühe Schulalter, nicht jedoch vor dem fünften Lebensjahr. 

Die Wirkung der SIT kann bis zu 16 Jahre anhalten. In Fällen, wo es trotz erfolgter SIT erneut zu einer allergischen Reaktion kommt, sollte man erwägen, die SIT zu wiederholen. 

Bei einer Nahrungsmittelallergie hilft die Therapie bislang nicht, bei der Neurodermitis wird der Erfolg noch in Studien untersucht. Derzeit arbeiten Forscher unter anderem auch an neuen Impfstoffen gegen Kontaktallergien, so zum Beispiel gegen Latex.

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